Samstag, 14. Mai 2016

Hätte, hätte, Fahradkätte...

Hätte, hätte, Fahrradkätte…


Viel passiert. Nicht viel Gutes. Vielmehr Schlechtes.

Währenddessen wartete ich auf lustige Dinge, über die ich einen Blog verfassen könnte.

Vergeblich. 

Das Zeitgeschehen nährte meine Wut und erstickte jegliches Aufflackern von Humor.

Über das, was mich ankotzt, hätte ich jeden Tag zwei Blogs schreiben können.

Ich hätte darüber geschrieben, dass wir zwar die schlechteste Regierung seit Bestehen der BRD besitzen, aber immerhin das Glück haben, diese abwählen zu können.
Nachdem man sie vorher sogar ungestraft öffentlich kritisieren durfte. 103-prozentig.

Ich hätte dabei erwähnt, welches Geschenk diese Freiheit darstellt, während wir immer mehr umzingelt werden von Europäischen Nachbarstaaten, in denen der Faschismus wächst wie Fußpilz zwischen den Zehen eines Bademeisters.

Natürlich hätte ich mich über Eines gewundert, da schon mehr als ein Jahr vergangen ist, seitdem arme Menschen vermehrt bei uns Zuflucht suchen.

Wann setzt denn nun die islamisierende Apokalypse ein, vor der unser rechter Abschaum seit 12 Monaten warnt, während er die Fußgängerzonen und Marktplätze der „neuen Bundesländer“ mit seinem armseligen Anblick schändet?

Wo und wann werden wir genau überrollt? Überflutet? Entmachtet?
Sollten wir nicht doch Obergrenzen für Flüchtlinge einführen?
Aber man muss es dann anders formulieren.

Nicht: Wie viele Flüchtlinge lassen wir in unser Land?

Es muss dann heißen: Wie viele Menschen lassen wir diesen Monat sterben?





Nicht der „Investitionsbedarf an Rüstungsgütern“ ist gestiegen, ihr Arschlöcher von der Waffenlobby und Rüstungsindustrie.

Ihr habt schlicht und ergreifend mehr Waffen verkauft als im Vorjahr, ihr Wichser!
Mehr Tod und Verderben über die Schwächsten gebracht.

Alles legal.

Nicht nur Wut auf die Justiz wäre ein Thema gewesen.

Auch Zweifel hätte ich gehabt.
Zweifel an einer Justiz, die ihren höchsten Skill beim Vertuschen und „unter den Tisch kehren“ findet.

Von NSU bis Love Parade zeigte sich, dass eine Krähe der anderen kein Auge auskratzt.

Bei brennenden Flüchtlingsunterkünften, für die erwiesenermaßen vorbestrafte Neonazis verantwortlich sind, findet sich kein fremdenfeindlicher Hintergrund, während Zivilcourage auf einer Demonstration gegen die AfD dir stante pede eine polizeilich dokumentierte Mitgliedschaft bei den Linksextremisten einbringt. Machen die Bullen gerne. Noch leidenschaftlicher knüppeln sie den Nazis den Weg frei.




Ich hätte einiges zu sagen in Bezug auf Alltagsrassismus. Aber diese Lady hier kann das viel besser:


Ich hätte nie gedacht, dass so viele Leute in meinem Bekanntenkreis zu AfD–Recken mutieren würden, aber gegen Dummheit kann man sich nicht impfen lassen.

Wenn auch nur die geringste Chance bestanden hätte,  dass diese armen verirrten Schweine an einem echten Dialog Interesse hätten, oder zumindest nur zuhören würden, dann hätte ich sie gewarnt.

Wer einer Partei wie der AfD oder NPD vertraut, wird am Ende genau das bekommen, wovor er sich am meisten fürchtet.

Bei ihrer geballten Ignoranz gegenüber Argumenten muss ich Menschen mit einer derartigen Gesinnung für ihre Dummheit verachten.

Wer die Freiheit aufgibt um Sicherheit zu gewinnen, der wird am Ende beides verlieren.

Übrigens: Selbst wenn es keinen einzigen Flüchtling in Deutschland gäbe, wären diese untervögelten Neofaschisten, die gerne ganze Busse voller Frauen und Kinder zusammenbrüllen und Häuser abfackeln, dieselben dummen Versager, die sie auch heute sind.

Ich hätte mich auch über manchen Skandal gewundert. VW gerät in Not, weil sie betrügen? Die Voraussetzung für wirtschaftlichen Erfolg wird einem renommierten Unternehmen zum Verhängnis?   

Es war vielleicht das einzige Ereignis mit hohem Entertainmentfaktor. 
Nach und nach poppt ein Fenster nach dem anderen auf, wo eine Automarke nach der anderen mit ähnlichen Verfehlungen wie VW den Konsumenten betrügt. 

Während auf deutschen Autobahnen vierzig Jahre alte Lastwagen zu Dumpingpreisen, die jeden seriösen Spediteur in den Ruin treiben, ungestraft ihr Heizöl in die Natur ballern, wird Volkswagen zum Volksverräter. Wegen ein paar Milligramm Feinstaub mehr…

Wie gerne hätte ich darüber gelacht.




Gut, dass es noch die gibt, deren Mission es ist, uns zum Lachen zu bringen.

Chris Tall?

OK. Der nicht. Solche Typen wurden früher auf der Schule immer in der Pause verprügelt.  Auch eine spezielle Art von Humor. Ähnelt eigentlich seiner eigenen.

Aber das Leben schreibt immer noch die besten Skripts.

„Promiboxen“ im Savoy. Da habe ich gelacht. Endlich bekommt der mal was vor das Schienbein. Für beide Seiten bestimmt befreiend. Ist der Ruf erst ruiniert, ist doch jede Presse affirmativ. Herrlich. Der schlechte Ruf nutzte  auch hinterher jeden Kadaver, um seinem schlechten Ruf gerecht zu werden.

Ach wie schön ist auch Panama. Auch wenn man noch nie dort war, sollte man da zumindest einen Briefkasten besitzen, sofern man Kohle hat. Oder ein Berufsverbrecher ist. Das Geldinstitut deines Vertrauens hilft gerne. Auch als Bank muss man immer an seinem schlechten Image arbeiten. Da fragt man sich: Sind die Banken noch zu retten? Leider ja. Und das kostet dann richtig Geld. 

Davon könntest du 100 Millionen Flüchtlingen Unterkunft, Verpflegung und eine Prime-Mitgliedschaft bei Amazon zukommen lassen.

Und dann kommen Tiger und Bär und lassen den Laden hochgehen. Danke, Janosch. Mal gespannt, was da noch ans Licht kommt.  Womöglich gibt es korrupte Politiker?

Apropos. Ich hätte fast jeden Tag einen Blog über Seehofer, Söder und die CSU schreiben können. Seit dem „Zauberberg“ von Thomas Mann hat man nicht mehr so ein Schmierentheater inmitten von Krankheit, Wahnsinn und menschlicher Verfehlung in einer in sich abgeschotteten Parallelwelt erlebt. Beim „Zauberberg“ hatte ich allerdings mehr Mitleid mit den Beteiligten. Und den Lesern.




                                   Hätte, hätte, Fahradkätte…


Damit der Blog nicht völlig vergeblich ist, hier noch ein Witz:

Angela Merkel, Sigmar Gabriel und Lutz Bachmann 
treffen sich zufällig vor der Semperoper.

Merkel fragt: „Wer ist denn das Arschloch?“

Da sagt Bachmann: „Der Vizekanzler.“








Donnerstag, 31. März 2016

Solis Defectus

Man sagt ja, es wäre grundverkehrt, von der Browser-History eines Schriftstellers Rückschlüsse auf seinen Geisteszustand zu schließen.
Sicherlich ist das, was unsereins so googelt, manchmal grenzwertig.

deshalb ist es nicht verwunderlich, was dabei herauskommt, wenn ein Heimatverein mich bittet, eine Kurzgeschichte für eine Anthologie zu verfassen, die verschiedene kulturelle Förderobjekte zum Thema hat.

Meins war ein Elektroboot.

Die Anthologie "Grafschafter Geschichten" ist sehr schön geworden.

Viele geile Geschichten von netten Kollegen.   Ich habe bei dem Schreibprojekt viel gelernt, übers Schreiben und über meine Grafschaft. 
Mit vielen Kollegen habe ich seitdem regen Kontakt. 
Auch wenn mein kleiner Beitrag etwas... hervor sticht

Seht selbst.




Solis Defectus

Begleitet von einem stattlichen Lärmpegel entfernte sich die „Vechtesonne“ vom Anlegesteg am VVV-Turm. Während sie selbst geräuschlos durch das Wasser glitt, schwoll das Gejohle der 27 zumeist angetrunkenen Passagiere in Volkers Wahrnehmung mit jedem Meter Fahrt zu einer Kakofonie des Irrsinns an.
„Atemlos…durch die Nacht!“, brüllte ein älterer Herr zum gefühlten vierzigsten Mal. Volker hätte ihn am liebsten mit dem Feuerlöscher zum Schweigen gebracht.
„Ah…ha, aha…“, stimmte der Chor der Blöden ein. Die spärliche bunte Beleuchtung am Boot war die einzige Lichtquelle, während sie eher grölend als atemlos durch die Nacht trieben.

Seit der Jungfernfahrt am 26. April 2001 war Volker Möbius Steuermann auf der „Vechtesonne“. Damals war er gerade einundzwanzig Jahre alt gewesen, arbeitslos seit dem Schulabgang, und hatte sich mit viel Engagement und großen Hoffnungen an dem Projekt um den Elektro-Katamaran beteiligt. Und nun, dreizehn Jahre später, hatte er wie aus dem Nichts die Kündigung erhalten. Heute Nacht steuerte er zum letzten Mal „sein“ Boot.
Plötzlich stand einer der Gäste auf und schmiss seine Bierdose in die Vechte. Da es sich um die sogenannte Mondscheinfahrt handelte, welche stets um 22.00 Uhr begann, lag Nordhorn, die Wasserstadt, praktisch im Dunkeln. Tagsüber hätte der Mann kaum die Frechheit besessen, sich auf diese Art seines Abfalls zu entledigen. Grob packte Volker den Übeltäter am Kragen: „Noch einmal so eine Aktion und du gehst baden, mein Freund. Gelbe Karte, verstehen wir uns?“
Volker war fast zwei Meter groß und seine Erscheinung vermochte die meisten davon zu überzeugen, sich besser nicht mit ihm anzulegen. Ein Sänger weniger.

Er hasste diese nächtlichen Bootstouren. Er verabscheute auch den Alkohol, der aus normalen, netten Menschen Monster machen konnte, die sich nicht mehr benahmen und bei diesen Touren den umliegenden Anwohnern bei zotigen Sprüchen schamlos in die Häuser schauten.
Die Vechtesonne bog ab in den gleichnamigen See. Wie in einem schwarzen Spiegel folgte dem Boot auf der Wasseroberfläche seine verzerrte Kopie.
Ein Lächeln zeichnete sich nun auf Volkers Gesicht ab, denn er musste an Silke denken. Sie war seine erste große Liebe gewesen, doch lange hatte die Beziehung nicht gehalten. „Das Ende ist immer das Schmerzhafteste an der Liebe“, dachte Volker. Erst kürzlich hatte er sich von Tanja trennen müssen. Ein bisschen vermisste er sie sogar. Sie besaß die hübschesten Ohren. Aber auch hier war er es gewesen, der Schluß gemacht hatte. Seine Mutter hätte es ihm vorher prophezeit.
Mechanisch steuerte er das Boot in den Vechtearm an der Kornmühle - parallel zum Püntendamm. Die Passagiere hatten den kleinen Zwischenfall mit dem Dosenwerfer absorbiert wie ein Schwamm einen einzelnen Tropfen Wasser. Die Stimmung war wieder gut. Volker war es eh egal. Die letzte Fahrt. Die letzte Schuld, die er zu erfüllen hatte.
Sie näherten sich einer Brücke, die in der Dunkelheit schwer zu erkennen war. Volker erhob seine Stimme. „Vorsicht. Sitzen bleiben. Hier wird es wieder eng. Nicht den Kopf stoßen“, warnte er. Plötzlich hörte er wieder das Geräusch, als der Hammer Silkes Schädel durchbrach. Hier unter dieser Brücke hatte er sie im Wasser versteckt. Es war gar nicht so leicht gewesen, sie später wieder heraus zu bekommen, um sie endgültig verschwinden zu lassen. Aber es war ja auch sein „erstes Mal“. Danach verging fast ein Jahr, bevor er sich wieder verliebte.

Hastig nahm ein junger Mann den Platz neben ihm ein. Als er saß, gab er den Blick auf seine hübsche Begleiterin frei. Helle Haut, dunkle Haare. Ihre wilden Locken reichten bis zum Kinn. Er versuchte, ihren Geruch aufzufangen. Ihr Profil erinnerte ihn an die bösen Feen aus den Geschichten seiner Mutter. Mächtige, gefährliche Wesen. Aber auch sie konnten bluten.
Der Mühlendamm. Es war nun richtig finster. Links befand sich der Stadtpark, rechts hatten die Anwohner gewohnheitsgemäß ihre Häuser verdunkelt. Schlagartig verstummten die Gespräche der Passagiere. Die Straßenlaternen am angrenzenden Radweg waren der einzige Hinweis auf die Stadt in der Dunkelheit. Volker dachte an sein kleines Boot, das er hier in der Nähe versteckt hielt. Gerne würde er es der dunklen Fee links neben ihm einmal zeigen. Sie war perfekt für das, was heute noch getan werden musste.

Die dritte Frau hatte er nach weiteren drei Monaten angesprochen. Er hatte sie einmal zum Essen ausgeführt und dann zu Hause zerstückelt. Mit seinem kleinen Boot hatte er die künstlich beschwerten Kunststoffbeutel auf dem Vechtesee seinem Verhängnis geopfert. Damit man ihn verschonte.
Hinter ihm unterhielten sich zwei ältere Frauen. Aus ihren leicht belegten Stimmen schloss er, dass sie betrunken waren. „Da hinten war es, wo sie die Frau aus dem Wasser gezogen haben, ne?“ Seine Tanja. Karabossa wollte sie nicht. Spie sie wieder aus. Und er musste immer noch seine Schuld begleichen. Die letzte Chance. „Oh ja. Ich habe es gehört. Man hat ihr die Ohren abgeschnitten. Aber ich habe es nur gehört.“ „Nee, es stimmt. Im Fernsehen habe sie die Ohrringe gezeigt. Richtig dicke Klunker.“
Eine Beziehung endet manchmal in einer Sackgasse. Aber man behält gerne etwas als Erinnerung. Automatisch fuhr seine Hand in die linke Hosentasche, fühlte das nicht mehr ganz so frische Souvenir. Sie lebte noch, als sie ihm ihr Geschenk gab. Plötzlich traf ihn etwas am Kopf. Bier lief ihm über das Gesicht, vor Schreck zog er seine Hand aus der Tasche. Dabei fiel etwas heraus, direkt vor die Füße der beiden Frauen. Sie befanden sich auf Höhe der Ochsenstraße, wo zahlreiche Häuser zur Flussseite hin hell beleuchtet waren. Der große Aquamarin reflektierte verräterisch das Licht.
Reflexartig bückte sich eine der Frauen und hob das verschrumpelte Ohr mit dem großen Edelstein auf. Dann schrie sie panisch los. Der nachtragende Passagier, der seine Dosen normalerweise im Wasser versenkte, sprang über die etwa einen Quadratmeter großen Solarzellen auf dem Bug des Bootes herüber bis zum Ruder. „So du Hund. Hast du die Frau belästigt?“ Volker stand blitzschnell auf, und eine Sekunde später sprudelte dem wildgewordenen Passagier ein dunkler Strahl Blut aus dem Hals. Nun brach Panik aus.
Volker schubste den sterbenden Mann ins Wasser, wobei der Körper einen breiten roten Streifen auf den hellen Bootsrumpf zeichnete. Seine tödliche Klinge behielt Volker in der rechten Hand. Seine Gedanken überschlugen sich, aber es gab kein zurück. Das war das Zeichen.
„Alle runter von meinem Boot!“, brüllte er, während schon die ersten Leute in die Vechte sprangen.
Auch das dunkelhaarige Mädchen, das ihm so gefiel, stand auf. Doch er packte sie mit der freien Hand, zog sie an sich und hielt ihr das Messer an den Hals. „Du nicht. Du bleibst hier“, zischte er, wobei er ihrem Begleiter direkt ins Gesicht starrte. Dieser schien zu verstehen und sprang wortlos ins Wasser. Immer mehr Menschen folgten diesem Beispiel. Sie stürzten sich von Bord, die meisten verließen die Vechte in Richtung Schweinemarkt. Innerhalb kürzester Zeit waren Volker und die junge Frau alleine auf der Vechtesonne.
Sanft drückte er seine Geisel auf einen Sitz. Als ob nichts geschehen wäre, hob er das abgetrennte Ohr seines letzten Opfers vom Boden auf und steckte es in die Hosentasche zurück. Dann lächelte er: „Schöner Stein. Den anderen habe ich im Fluss verloren. Hat sich der Nöck geholt.“ Er sah ihren ratlosen Gesichtsausdruck und setzte zu einem Sing-Sang an: „Nöck, Nöck, Nadeldieb. Du bist im Wasser, ich bin an Land. Nöck, Nöck, Nadeldieb. Ich bin im Wasser, du bist an Land.“
Die Frau zitterte vor Angst. Sie schien kurz vor dem Zusammenbruch zu stehen. „Brauchst keine Angst haben. Der Nöck hat sein Opfer schon bekommen.“ Er lächelte irre und zeigte auf die Blutschlieren auf dem Bootsrumpf. „Nimm dich lieber vor den bösen Feen in Acht. Das ist die Zeit von …“ Er machte eine Pause und flüsterte dann: „…Karabossa.“
Volker hielt immer noch die blutverschmierte Klinge in seiner Hand. Ein finnisches Filiermesser von Marttiini, 19 Zentimeter lang. Höllisch scharf. Er trug sie stets in einer Lederhülle bei sich. Die Vechtesonne war gerade mit Höchstgeschwindigkeit unter der Brücke an der alten Synagogenstraße durchgefahren, da nahm die junge Frau all ihren Mut zusammen: „Hören Sie, sehen sie das Blaulicht und das alles? Die ganzen Leute? Sie haben doch keine Chance. Selbst, selbst … wenn Sie mir etwas tun. Das bringt doch nichts. Lassen sie mich gehen. Bitte! Ich …“
„Nein!“, brüllte Volker. Er ließ das Ruder los, stoppte den Motor, drehte sich um und kam bedrohlich auf sie zu. Das Messer hielt er weiter in der Hand. „Nein“, wiederholte er. „Ich kann nicht. Wenn ich dich gehen lasse, kommt sie und holt mich an deiner Stelle. Du gehörst jetzt ihr.“

„Aber nein. Niemand gehört jemandem. Auch ich nicht. Ich bin Christiane Weber. Und ich gehöre nur mir.“ „Sei still. Sie wird sonst nur ärgerlich!“ Christiane fing wieder an zu weinen. Während ihr Tränen der Verzweiflung über das Gesicht kullerten, brachte sie nur noch ein heiseres „Wer ist sie?“ hervor. Volker kam ganz nah an ihr Gesicht und zischte: „Karabossa …“
Die Frau bemerkte, dass auch Volker Tränen in den Augen standen. Er schluchzte fast: „Sie will immer das, was mich glücklich macht. Sonst holt sie mich.“ Plötzlich äffte er eine alte Frau nach und raunte: „Nein, nein, Volker. Das sind unanständige Gedanken. Das lassen wir nicht zu!“

Inzwischen hatten sich Schaulustige auf der Brücke am VVV - Turm eingefunden. Dort, wo die Fahrt der Vechtesonne begonnen hatte. Blaulichter näherten sich stetig, vereinten sich mit zahlreichen Katastrophentouristen, die dem Boot schon länger vom Ufer aus auf Fahrrädern und zu Fuß folgten. Jahrmarktstimmung.
Schlagartig straffte sich Volkers Körper wieder. „Heute ist meine letzte Tour. Und du bist ihr letztes Opfer. Dann bin ich frei!“ Christiane fing an zu schreien. Er ignorierte sie und startete den Motor. Als sie sich der letzten Brücke näherten, glaubte Volker, seinen Augen nicht zu trauen. „Verdammt, was soll das…“, brachte er noch hervor, da war es schon geschehen. Jemand ließ sich von der Brücke aufs Boot fallen. Bei dem waghalsigen Manöver hätte die mutige Polizistin fast den Halt auf dem blutverschmierten Bug verloren. Als sie ihre Dienstwaffe ziehen wollte, stürzte sich Volker auf sie. Immerhin gelang es der Beamtin, ihn zu entwaffnen. Das Messer fiel ihm aus der Hand. Aber Volker war viel kräftiger als die zierliche Frau, und seine Schläge trafen unbarmherzig. Der ungleiche Kampf dauerte nicht lange, da stürzte die Polizistin und fiel von Bord.

Die Vechtesonne fuhr steuerlos mit Höchstgeschwindigkeit weiter, verließ knapp das enge Flussbett in Richtung des dunklen Vechtesees. Christiane, die vorher wie gelähmt schien, erkannte ihre Chance und versuchte ebenfalls, das Boot zu verlassen. „Nein!“, schrie Volker panisch. Er packte sie hinten am Kragen und warf sie brutal auf den Boden, wo sie liegenblieb.

Volker nahm das Ruder in die Hand. Etwa in der Mitte des Sees stoppte er die Fahrt. Nun würde es geschehen. Da spürte er einen Luftzug, drehte sich zu Seite und da stand sie, genau wie seine Mutter sie ihm immer beschrieben hatte. Dünne spinnenartige Beine hielten ihren unförmigen Körper. Unterhalb ihres mit zackigen Schuppen besetzten Buckels befand sich ihr hässlicher Kopf, der außer den langen schwarzen Haaren nichts Menschliches besaß. Sie streckte ihm ihre Krallen entgegen und rammte sie ihm in den Bauch. Volker spürte sein warmes Blut ausströmen, als er rief: „Karabossa! Dein Opfer! Ich…“ Doch als Antwort schlug sie ihm ihre Krallen in den Hals. Er roch sein Blut. Spürte eine ungeheure Kälte, als ihm schwarz vor Augen wurde. „Karabossa…“, ächzte er noch einmal, dann starb er.

„Ich gebe dir deine Karabossa…“, sagte Christiane und stach ihm sein eigenes Messer noch einmal in den Bauch.

Tom Fuhrmann ©2015


Inspirationsquelle: Solarkatamaran Vechtesonne


Samstag, 30. Januar 2016

Blogger für Flüchtlinge

Wie ihr wisst, beschäftige ich mich ja schon lange mit dem Thema Flüchtlinge.

So ist ja letzten Endes auch "Sahin" entstanden.

Diese Aktion hier unterstütze ich auch sehr gerne.

Blogger für Flüchtlinge

Wenn ihr andere Blogger kennt, sagt ihnen Bescheid.
Ansonsten ist es auch egal, teilt das Ding wie auch immer.
Instagram, Facebook, Twitter oder Google+
scheißegal.

Machen. Tun. 

Gutes tun.

Gut tun.








Satire

Dienstag, 6. Oktober 2015

Einige rudern zurück...

Einige rudern zurück…

…die anderen ertrinken weiter im Mittelmeer.

Es macht sich ein neuer Trend bemerkbar, der wohl völlig normal ist, wenn die Angespanntheit der Situation das eigene Maß des Erträglichen überschreitet.
Man relativiert, toleriert, akkreditiert und schätzt, wenn der Irrsinn differenziert genug zur Diskussion gestellt wird.

Mit Leuten, die auch nur eine minimale Gesprächskultur pflegen, hatte ich noch nie Probleme. Die Meisten von denen sprechen sogar verständliches deutsch. Das sind auch nicht die, von denen man bedroht wird, wenn man eine andere Meinung hat. Das sind nicht die, die sich freuen, wenn Kinder sterben und Häuser brennen.
Unsere Gesellschaft hat sich eigentlich gar nicht verändert.

Nach wie vor baut man sich erhabene Denkmäler auf der Oberfläche als Spiegel großer gesellschaftlicher Errungenschaften.

1789-1799-französische Revolution

1865-Das Ende der Sklaverei in den USA

1919-Die Weimarer Verfassung

1948-Die UNO verkündet die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (seit1973auch mit den beiden deutschen Staaten)

1961-der erste Mensch im All (Toll, oder?)

1969-Woodstock (auch mal ziehen?)

1984-an meinem 19 Geburtstag wurde die erste Email verschickt (…du wollen größer Penis?...)

1989-die Berliner Mauer fällt und der Westen mit Wirtschaftsflüchtlingen überflutet

Es gab so viele großartige Momente: 
Homosexualität wurde salonfähig. 
Ein schwarzer Präsident in den USA. 
Die katholische Kirche verbrennt keine Hexen mehr.

Allesamt Denkmäler an der Oberfläche.

Darunter sieht es anders aus. 
Man stelle sich eine gigantische Bergbauanlage vor und davon unendlich viele nebeneinander.
Ein verwirrend großes Netz aus Bergstollen und unterirdischen Tunneln, außerhalb jeglicher Kontrolle und ausschließlich in der Hand der  Minenarbeiter.

So funktioniert die Gesellschaft seit hundert Jahren und nun stürzt die Oberfläche an den Stellen ein, wo man versäumt hat zu kontrollieren, wer da seit Jahrzehnten gräbt und die gesellschaftlichen Normen, die Regeln der Ethik und Menschlichkeit „unterminiert“.

Wer tut so etwas? 
Es sind nicht die Notleidenden, weit gefehlt. 
Es sind die Neider, die Unzufriedenen, die Hetzer und Selbstüberschätzer.

Missgeburten geboren aus Neid und Boshaftigkeit, aus Gier und Skrupellosigkeit.  
Individuelle Bedürfnisse werden auf Kosten des Allgemeinwohles vorangetrieben, es geht um Macht und Geld. Und um den sinnlosen Kampf gegen  die Windmühlen der eigenen Selbstüberschätzung.

Wenn die Schöpfung beschließt, eine Schwalbe zu erschaffen, wird daraus niemals ein Coyote. Dieser Metamorphose kann sich nur der Mensch bedienen.

Die Meinung solcher Menschen kann nur der Spiegel falschen Denkens sein.
Da ist jegliche Überzeugungsarbeit zum Scheitern verurteilt. Da heißt es, grade machen und seiner Überzeugung treu bleiben. 

Wer montags in Dresden einem Verbrecher und seinem Pandämonium aus verfassungsfeindlichen Vollidioten hinterherläuft, trägt den Dreck am Leib, mit dem er sich umgibt.

Sowohl hier bei uns als auch in den Ländern, deren Kriege unser Land unterstützt, kann es nur eine Lösung geben: Die Wahrheit.

Jetzt fehlen nur noch Volksvertreter, die glaubwürdig genug wären, sie zu verbreiten.


Samstag, 3. Oktober 2015

Der Junge

Sahin von Tom Fuhrmann ©2015



»Menschlichkeit ist heutzutage ein Scheinriese:
Je näher man ihr kommt, desto kleiner wird sie...«

Als Achtjähriger hatte ich eine Lupe von meinem Großvater entwendet. An der Ecke vor dem Haus meiner Großeltern, bei denen ich aufwuchs,  stand ein Strommast. Weil mir das unüberhörbare Sirren der Überlandleitungen gefiel, spielte ich an dem Tag, als ich zum ersten Mal das Vergrößerungsglas benutzte, auf dem schwarzen Betonsockel des Mastes. Ich sah mir an diesem heißen Augustglas mit der Lupe Ameisen an, die hektisch über den Beton rannten, der von der Sonne erhitzt angenehm meinen Hintern wärmte. Die winzigen Ungeheuer zogen mich in ihren Bann. So starrte ich sie durch das geschliffene Glas an und  erschrak fürchterlich, als eines der Insekten anfing, zu qualmen. Rasch hatte ich herausgefunden, wie man die Wissenschaft zur Waffe umfunktionierte. Die Ameisen versuchten zu flüchten, hatten aber auf dem Sockel kaum eine Chance, zu entkommen. Sie mussten aus ihrer Heimat flüchten, oder sie kamen um.

In dem Jahr, in dem Sahins Geschichte begann, flanierte ich an einem schulfreien Tag in der Innenstadt. Ich besuchte als Dreizehnjähriger die siebte Klasse des Gymnasiums in Sprockhövel, einem Kaff am Rande des Ruhrgebietes. Meine Eltern schienen zu diesem Zeitpunkt erzieherisch am Rande der Resignation zu stehen. Aus ihrer Unfähigkeit, mit mir umzugehen, ergaben sich für mich entsprechend große Freiheiten, woraus sich auch die unbeaufsichtigte Wanderschaft durch die Kleinstadt ergab. Leider begann es fürchterlich zu regnen. In der unbewussten Tradition politisch Verfolgter flüchtete ich in die „Zwiebelturmkirche“, wie man sie wohl heute noch nennt.

Das Gotteshaus war menschenleer. So setzte ich mich ungefähr in der Mitte des Saales auf eine Bank und sah mir das leere Kreuz an. Auch wenn es als Symbol für Barmherzigkeit und Liebe stand, empfand ich so alleine wie ich war eine leichte diffuse Angst. Meine Gedanken schweiften ab, wie sie es nunmal ständig bei Teenagern tun, und irgendwann stellte ich mir vor, ich selbst, von einem wütenden Mob ans Kreuz geschlagen, würde über den schaulustigen Mordlustigen hängend auf deren Köpfe pinkeln, hoffend, dass der Gott, dem sie mich zu Unrecht opferten, meinen Saft in Säure verwandelte.
Plötzlich registrierte ich einen Luftzug im Rücken.
Eine Stimme rief: „Hallo!“
Nie im Leben hatte ich mich so fürchterlich erschrocken. Ich blickte in das fröhliche Gesicht eines Jungen in meinem Alter. Er hatte langes schwarzes Haar, dunkle Hautfarbe und die traurigen braunen Augen passten gar nicht zu dem Lächeln, das mich in Form von perfekten schneeweißen Zähnen anstrahlte. Er hatte hinter mir geschlafen, bis ich die heilige Ruhe störte.

„Hallo.“, wiederholte er den Gruß. Ich bekam gerade erst wieder Luft und hauchte: „Hallo. Wer bist du?“

Er sprang auf, stellte sich auf die Bank, streckte seine Hand aus und beugte sich so tief zu mir hinunter, dass ich sie ergreifen konnte. Dann sprach er: „Mein Name ist Sahin. Wir sind aus dem Iran in die Türkei geflüchtet. Dann sind wir vor den Türken geflüchtet. Wir sind Kurden. Jetzt sind mein Vater und ich hier. Und wer bist du?“

Damals beeindruckten mich seine sprachlichen Fähigkeiten. Denn er formte die Worte ohne erkennbaren Akzent. Den meisten Deutsch-Rappern in dieser Zeit, selbst Bushido oder Sido, konnte man dagegen einen Besuch beim Logopäden empfehlen.

„Mein Name ist Lennart. Ich war noch nie auf der Flucht. Außer vor meinen Alten.“
Endlich ließ er meine Hand los und rief fröhlich: „Komm mit. Wir machen schöne Sachen!“

Sahin sprang ruckartig von der Bank, auf der er stand, in den Seitengang. Der Widerhall in der Kirche knallte vom Gewölbe mit unerträglicher Lautstärke zurück. Ich folgte dem Flüchtling teils neugierig, teils gefangen in dieser surrealen Situation. Und welcher Junge würde nicht seiner Aufforderung nachkommen?

Knarzend öffneten wir die Eingangstür und ich stellte befriedigt fest, dass es kaum regnete.

„Komm!“, rief Sahin und rannte los. Wieder konnte ich nur mühsam mit ihm Schritt halten. Er war schnell. Flüchtlinge müssen schnell sein, dachte ich. Mir fiel ein, was ich in den Nachrichten gehört hatte. Dass in den letzten neun Monaten von Anfang 2015 bis heute über 800 Kinder auf der Flucht im Mittelmeer jämmerlich ertrunken waren.

„Warum zählen sie Kinder extra?“, hatte ich meinen Vater gefragt. Der hatte nur gelacht und gesagt: „Was geht das uns an?“

Vor der Mauer im Kirchweg blieb er stehen und sagte: „Pass auf!“ „Worauf?“ „Pass auf!“, wiederholte er, als ob er dadurch bei mir einen Erkenntnisprozess auslösen könnte und kletterte im selben Moment flink wie ein Affe auf die etwa zwei Meter hohe Mauer. Oben angekommen lief er ein paar Schritte bis zu dem dicksten Ast des Kastanienbaumes. Wie aus dem Nichts holte er eine Plastiktüte aus dem Geäst und warf sie mir zu. Mehr durch Glück als durch Können fing ich sie auf. In der Tüte befand sich ein alter Lederball, der definitiv seine beste Zeit hinter sich hatte.

„Ein Ball?“, fragte ich unsicher.
„Komm mit. Spielen!“, sagte Sahin, und eine kurze Zeit später passten wir uns auf einer Waldlichtung am Schultenbusch den alten Fußball zu, schossen auf ein Tor, das wir vorher mit zwei großen Steinen markierten. Ich spielte nach langer Zeit mit einem Gegenstand, der weder einen Anschluss für ein Netzteil, noch Batterien besaß. Das hier war nicht „Fifa 2015“. Aber ich hatte Spaß wie schon lange nicht mehr. Nein, wir hatten Spaß.

„Hey Muselmann, das ist mein Ball!“
David Gerber stand vor uns. Er war vierundzwanzig Jahre alt, groß, kahlköpfig und brutal. Sahin starrte ihn an, als ob der Mann gerade mit einem UFO gelandet wäre. David Gerber hatte keinen Schulabschluss, vertrat dafür eine deutsche Gesinnung. Flüchtlinge passten sehr gut in sein Feindbild.

„Ball hergeben, Kanacke! Oder du nix dem Deutschen mächtig?“, fragte Gerber und grinste fürchterlich. Sahin drehte den Kopf so schnell in meine Richtung, dass seine langen schwarzen Haare flogen. Wir verstanden uns ohne Worte in dieser bedrohlichen Situation. Ich nickte ihm zu. Sahin händigte den alten Lederball sofort an den Skinhead aus. Dabei fixierte er ihn mit den dunklen Augen, unerbittlich und durchbohrend, so dass der große Mann seinen Blick senkte. Sahin zeigte nicht die Spur von Angst, was ich von mir nicht behaupten konnte. Ich zitterte und meine Knie schienen nachgeben zu wollen.
Kaum hatte Gerber den Ball, starrte er Sahin wieder hasserfüllt an: „Und, was ist? Ich hab dich was gefragt!“

„Des Deutschen mächtig:“, meinte Sahin.

„Was?“, fragte Gerber.

„Es heißt: Des Deutschen mächtig. Nicht dem.“

Ohne Vorwarnung verpasste er dem Kurden mit der freien linken Hand einen Schlag vor den Kopf, dass er zur Seite flog. Dann zog der Skin ein Springmesser und stach mit der Klinge mehrmals in den Ball. Das Geräusch der entweichenden Luft schien uns zu verhöhnen.

„Nein!“, schrie Sahin, rappelte sich auf und stürmte auf Gerber zu. Der trat ihn brutal in den Bauch, stoppte den verzweifelten Angriff, kaum dass er begonnen hatte.

Ich konnte mir das nicht länger mit ansehen, verdrängte meine Angst und schlug dem Riesen mit der Faust gegen sein rechtes Ohr. Gerber stöhnte auf vor Schmerz, drehte sich mit einer Geschwindigkeit um, die ich nie erwartet hätte, packte mich am Arm und hielt mir das Stilett an den Hals.

„Ich schlitz dich auf, du Kröte!“, zischte er.
Plötzlich brach er zusammen wie ein nasser Sack, ließ mich frei und sein Messer fiel neben ihm auf den Boden. Er lag mit dem Gesicht nach unten auf dem bemoosten Waldboden, und aus einer Wunde am Hinterkopf schien etwas Blut auszutreten.

„Schnell. Komm!“, rief Sahin und warf den großen Stein weg.
Wir rannten ohne Pause, bis uns der Atem stockte. Am Busbahnhof, wo sich damals meine Grundschule befand, setzten wir uns auf eine Mauer und nach einiger Zeit, fragte ich ihn: „Sahin, wo hast du so gut Deutsch gelernt?“

„Mein Großvater ist, bevor ich geboren wurde, nach Deutschland gekommen. Zum Arbeiten als Gast.“
„Als Gastarbeiter?“, korrigierte ich.
„Als Gastarbeiter. Mein Vater wurde in Essen geboren. Hat studiert. Betriebswirtschaft. Später dann ist er zurück. Ich wurde im Iran geboren. Dort hat mein Vater an der Universität in Teheran Betriebswirtschaft, Deutsch und Englisch unterrichtet. Uns allen hat er das beigebracht.“
„Wow, krass. Mein Vater sagt, dass ihr Wirtschaftsflüchtlinge seid, weil die Türkei fast wie Europa ist.“
„Das verstehe ich nicht.“
„Wenn du aus Syrien gekommen wärst, wäre das anders, verstehst du?“, versuchte ich ihm zu erklären.Ich zwang mich krampfhaft, mich an die Worte meines Vaters zu erinnern.
„Nein. Warum wäre das anders? Da sind auch Kurden.“, meinte Sahin.
„Ja, aber in Ländern wie der Türkei passiert dir ja nichts. Nur dass ihr kein Geld geschenkt bekommt.“

Er sah mich entgeistert an und es klang mitleidig, als er endlich sagte: „Lennart, du weißt gar nichts.“

Wütend stieß ich mich von der Mauer ab und baute mich vor Sahin auf, der mich noch nicht mal eines Blickes würdigte, während er da saß und seine Füße baumeln ließ.
Meinen aggressiven Auftritt hatte er ignoriert, und er wirkte fortan abwesend. Nach ein paar Minuten setzte ich mich auch wieder neben ihn auf die Mauer, vergrößerte jedoch den Abstand zwischen uns um einen Meter. Er sollte nicht denken, ich sei wieder versöhnlich.

So beobachteten wir, wie die Busse gegenüber mit laut dröhnenden Motoren abfuhren und ankamen, wartende Leute zustiegen, hektische Menschen ausstiegen. Dabei zogen wir es beide vor zu schweigen.

Als die Neugierde auf meinen ersten und gleichzeitig so einzigartigen Freund größer wurde als mein jugendlicher Stolz, sagte ich: „Komm, Sahin. Wir gehen rüber zum Kiosk. Ich lade dich auf eine Coke ein.“
Er sah mich mit großen Augen an, aber schwieg. Dennoch folgte er mir wie ein Hund, als wir den Bahnhofskiosk betraten. Ich holte zwei Flaschen Cola aus dem Kühlschrank und nahm eine Tüte Skittles aus dem Regal und zahlte an der Kasse. Als wir hinausgingen, hielt eine Polizeistreife vor dem Kiosk. Augenblicklich erstarrte ich, da mir Gerber wieder einfiel. Wie aus einem dichten Nebel tauchte er als Bedrohung wieder in meinem Bewusstsein auf, nachdem ich ihn vorher verdrängte hatte. Als ob eine gelungene Flucht einen vor den Konsequenzen des Handelns schützen könnte. Vielleicht war Gerber tot? Oder vielleicht lebte er noch? Ich konnte damals nicht sagen, welches Szenario ich als schlimmer empfand. Die beiden Polizisten stiegen aus, bedachten Sahin zwar mit grimmigen Blicken, aber sie betraten dann den Laden, ohne sich weiter an uns zu scheren. Wir nahmen unseren Proviant und gingen wieder hinüber zu unserer Mauer.

Der junge Kurde zog plötzlich ein Messer aus der Tasche. Es war das Stilett von David Gerber, das er vor unserer Flucht eingesteckt haben musste. Damit öffnete er die Flasche, indem er mit dem Griff den Kronkorken weghebelte. Mit meinem herkömmlichen Flaschenöffner kam ich mir ziemlich blöd vor. Zugleich spornte mich aber auch die Panik vor diesem Tötungsinstrument an, in die Offensive zu gehen: „Sag mal, bist du wahnsinnig? Da vorne stehen Polizisten. Pack das Ding weg!“

„Okay. Aber es gehört mir", sagte Sahin sanft und steckte das Messer weg.

„Sahin, wieso hast du gesagt, ich wüsste nichts?“

Es musste raus. Ich spürte, wie meine Ohren heiß wurden, spürte die unterdrückte Wut, da ich seine offensichtliche Arroganz immer noch persönlich nahm. Dann erzählte er mir seine Geschichte.

„Mein Vater war im Widerstand tätig. Er kämpfte im Untergrund gegen das Amadinedschad-Regime. Dann irgendwann kamen Männer vom Geheimdienst. Vater war nicht da. Sie machten schlimme Sachen mit meiner Mutter, wirklich schlimme Sachen. Dann erschlugen sie Mama und nahmen meine große Schwester mit.“

Mir wurde ganz seltsam zumute, mein Zorn war verraucht, und die Stelle in meinem Bauch wurde durchflutet von Grauen. „Und dann?“, fragte ich mit krächzender Stimme. Dabei registrierte ich, dass Sahins Augen sich mit Tränen füllten. Zwei glänzende schwarze Sterne in einem hübschen Gesicht. Er wischte sich mit dem Handrücken ein paar Tränen weg. Seine langen schwarzen Haare flogen nach hinten, als er sich mit der Hand über die Stirn strich. Damals machte ich mir kein Bild davon, wie schwer es für ihn gewesen sein musste, über diese Dinge zu sprechen.

„Vater nahm meine kleine Schwester und mich mit zu einem Mann aus dem Untergrund. Der gab uns Pässe und sowas. Dann gingen wir zu einem anderen Mann. Der hatte einen geheimen Club, wo die Sex machen…“

Ich wurde sofort rot wie eine Tomate. Damals war ich in Bezug auf Mädchen nahe an der Galanterie, aber meilenweit entfernt von der Leidenschaft. Ich war im gleichen Maße neugierig auf Sex, wie er mir Angst machte, und beim bloßen Erwähnen des Wortes fühlte ich mich ertappt.

Wie ich lange nach den Erlebnissen recherchierte,  organisierte die Sado-Maso-Szene im Iran auch die eine oder andere Flucht. Diese Leute waren es gewohnt, im Untergrund zu arbeiten, da ihre Neigungen tabu waren.

„Was ist mit deiner großen Schwester?“, fragte ich ihn.

„Vater sagte, er hätte in Agri von einem Freund aus Teheran erfahren, dass man sie tot aufgefunden hat. Er konnte nicht sprechen fast eine Woche lang, weil er sich vorwirft, dass er sie im Stich gelassen hat, um uns zu retten.“

Mir fehlten die Worte, und auch Sahin schwieg für einige Minuten, in denen jeder für sich über das Erzählte nachsann. Niemals hätte ich es gewagt, darum zu bitten, dass er mir den Rest seiner Geschichte mitteilte, aber er fuhr von selbst fort: „Agri. Das war in der Türkei. Die Soldaten kämpften gegen die PKK. Das sind Kurden, die gegen die Türken kämpfen.“

„Sind Kurden denn keine Türken, wenn sie da leben?“, fragte ich.

„Bin ich Deutscher, jetzt wo ich hier lebe?“, fragte er zurück.

„Wenn du einen deutschen Pass hast finde ich schon, ja.“

„Willst du das Ende hören?“, zischte er. Mein Schweigen wertete er als Zustimmung, und nachdem er einen großen Schluck aus seiner Flasche getrunken hatte, sagte er: „An der Grenze zur Türkei wurde meine kleine Schwester Sarah von einem Soldaten erschossen. Sie stand nur einen halben Meter neben mir. Sie haben oft einfach geschossen an der Grenze. Und sie haben Sarah getroffen. Jetzt sind Vater und ich alleine.“

Wieder machte er eine Pause, um sich die Tränen abzuwischen.
„Hör mal. Du musst das nicht erzählen, Sahin.“

„Doch.“, schluchzte er, „Du bist mein einziger Freund. Du sollst alles hören. Wir haben sie hinter der Grenze begraben. Sie war erst fünf Jahre alt. Vater konnte sie tragen. Dann waren wir in Agri, wo uns die Soldaten gehasst haben. Es waren bestimmt hundert iranische Kurden mit uns da. Viele kannten uns. Vater hatte Angst vor dem Geheimdienst. Er wollte weg. Es gab keine Arbeit für uns. Es gab keine Hoffnung. Vater sagte, wir müssen vielleicht zwei Jahre warten, bis man uns anerkennt. Da sind wir abgehauen.“

Sahin stand auf und ging direkt vor mir in die Hocke. Er blickte zu mir und niemals würde ich diesen traurigen Ausdruck vergessen, der zugleich eine derart zornige Attitüde besaß, dass ich Angst bekam.

„Ich kann nicht sagen, wie lange wir unterwegs waren. Wir mussten nach Deutschland, sagte Vater. Er kannte Männer hier von früher. Im Internetcafé hat er mit ihnen gesprochen unterwegs. Manchmal nahmen uns Lastwagen mit, meistens liefen wir, bettelten und manchmal wurden wir verprügelt, weil wir dreckige Kurden sind. Dann waren wir plötzlich in Istanbul. Vater holte dort Geld bei einem Mann ab, den ich nicht kannte. Dann flogen wir nach Düsseldorf.“

Das war zu viel für mein Gemüt. Ich verlor meine Beherrschung und nahm meinen Freund in den Arm und flüsterte: “Willkommen, Sahin. Willkommen.“

Wir Hielten uns gegenseitig fest und ich spürte, wie Sahin zitterte, schluchzte. Ich bemerkte nicht, wie ein Auto mit quietschenden Reifen auf den Busbahnhof gefahren kam.

Plötzlich rief eine tiefe Stimme: „Schau mal! Schwul sind die beiden auch noch!“

„Kanackenschwuchtel und sein Scheissestecher!“

„Los David. Schlag ihnen die Fresse ein!“

Wir waren umzingelt von David Gerber und zwei seiner Freunde. Alle waren in seinem Alter, groß und sahen brutal aus. Sie trugen schwarze Sachen, hatten Schnürstiefel an und einer hatte ein großes Hakenkreuz auf den Hals tätowiert. Mit ihren Vollbärten und gestylten Frisuren wirkten sie wie Hipster in Thor Steinar-Klamotten. David Gerber hatte einen Verband um seinen Glatzkopf.

Sahin schob mich hinter sich. Der kleine Kurde schien mich beschützen zu wollen. Er fing an, in schneller Abfolge Worte in seiner Heimatsprache zu skandieren, die ich nicht verstand.
Gerber trat vor, er hatte einen Aluminium-Baseballschläger in der Hand. „Ja, Muselmann. Jetzt kommt die Quittung.“

Er schlug so schnell zu, dass Sahin keine Chance hatte, obwohl er seine Arme blitzschnell hochgerissen hatte. Die Keule traf ihn so hart, dass er umfiel wie ein Mehlsack. Die anderen fingen sofort an, ihn mit Fußtritten zu bearbeiten.
Ich sah das parkenden Polizeiauto auf der anderen Seite und schrie aus Leibeskräften: „Hilfe! Polizei! Hilfe!“

Ich winkte und schrie, bis mir jemand so hart vor den Kopf schlug, dass ich gegen die Mauer fiel. Endlich hatten sie von Sahin abgelassen, aber nun stand ich in ihrem Fokus.
Die beiden Kumpane packten mich von jeder Seite an den Armen.
„Hört auf, ihr Schweine. Lasst uns in Ruhe…“, flehte ich. Doch Gerber ging in Ausgangsstellung wie bei einem Baseballspiel. Er war der Schlagmann, und ich war der Ball. Er sagte: „So jetzt gibt es eins auf die Murmel, Kanackenfreund…“

Er holte aus, und wie aus heiterem Himmel ließ er die Keule fallen. Es gab ein metallisches, hohles Geräusch, als sie auf dem Boden aufkam. Dann folgte Gerber seinem Baseballschläger, kippte nach vorne, und ein Messer steckte in seinem Rücken. Sein Messer. Dahinter stand der blutüberströmte Sahin.

Der Rest endete in dem Lärm des Martinshornes der Polizeistreife. Handschellen klickten. Wir wurden gepackt. Wir wurden abtransportiert. 

Das Alles zog wie im Nebel an mir vorbei. Es blieben nur Sahins letzte Worte bis heute in meinem Bewusstsein hängen:

„Es tut mir leid, dass überall Krieg ist, mein Freund.“








Montag, 14. September 2015

Grenzlinien des Hasses


Hass gibt es überall. An manchen Orten mehr, an anderen weniger.
Hass kann stark sein, schwach, unterschwellig, offensiv, aber auch grenzenlos und abgrundtief.

Hass richtet sich gegen Obrigkeiten und gegen Minderheiten, manchmal auch gegen sich selbst.

Aber in den Social Media feiert der Hass die Party seines Lebens.




Darüber ist auch schon alles gesagt worden.
Mittlerweile kann man diese rechte Hetze kaum noch ertragen, scheint sie doch kein Maß zu kennen und kein Ende zu nehmen.

Und so sehr manche empfehlen, in den Dialog mit den rechten Arschlöchern zu treten, finde ich, dass es wenig Sinn macht, mit Menschen zu sprechen, die gar nicht den Meinungsaustausch suchen, sondern eher ihre Zusammenrottung mit Gleichgesinnten forcieren.

Hier werden Grenzen überschritten, die es mir persönlich nicht mehr ermöglichen, deren fadenscheinige Argumente ernst zu nehmen, die für mich aus haarsträubenden Schwachsinn bestehen, der mit unfassbaren Lügen gemischt wird.

Wichtig ist es, den rechten Intelligenzverweigerern diese Grenzen aufzuzeigen.

Aber nicht nur die Dummheit bringt Hass hervor. Auch gebildete Menschen können Überzeugungen vertreten, die Ausgrenzung, Rassismus und Gewalt in einem brisanten Stelldichein vereinigen und ihre Ideologien auf verblödete Handlanger vererben, die entsprechend Taten folgen lassen.

Hier werden Grenzen überschritten, die in Gewaltakten enden können, die nur noch mit Terrorismus und versuchtem Mord treffend bezeichnet werden können. Über 300 rechtsextreme Anschläge in diesem Jahr sprechen leider eine deutliche Sprache.

Wo die Regierung versagt, indem sie schweigt und nicht handelt. Wo die Polizei auf dem rechten Auge blind zu sein scheint, und es versäumt, die zu schützen, die am ärmsten dran sind:

Von Krieg und Flucht traumatisierte Kinder, Frauen und deren Männer, die allesamt nicht nur ihre Heimat, ihren Besitz und ihr Heim verloren haben, sondern teilweise auch Verwandte, Partner, Kinder und Enkel.
Menschen aus den Ostblockstaaten, getrieben von Hunger und Terror der staatlichen Willkür.

Wenn da die Antifa ihrerseits Grenzen überschreitet, die in Gewaltausübung endet, kann ich das nicht gut heißen. 

Verstehen kann ich es schon. 

Aber während ich die rechten Terroristen nur verabscheue, und deren Mitläufer für ihr nationalistisches, menschenverachtendes, rechtspopulistisches Gestammel verachte, empfinde ich umso höhere Anerkennung für die Mitglieder der Antifa, die da hingehen, wo den Wehrlosen Gefahr droht und mit friedlichen Mitteln versuchen, dem Pack Einhalt zu gebieten, also versuchen, einfach besser zu sein als das Pack.

Leider hat jeder Widerstand, so wichtig dieser als solcher auch ist, 
eine unüberwindbare Grenze:  

Die Ursachen allen Übels - Krieg, Elend und Vertreibung

Was nutzt es, die Windmühlen zu zerstören, wenn immer noch der gleiche Wind weht, so dass immer wieder neue Windmühlen gebaut werden?

Die Ursache allen Übels ist die Unwissenheit

Solange die Unzufriedenen alles glauben, was Profiteure ihnen vorsetzen, werden die Extremisten weiter Zulauf haben.

Deshalb ist in unserem Land Aufklärung und Bildung das Wichtigste.
Früher haben die Unzufriedenen gehungert, bevor sie als wild gewordener Mob durch die Straßen gerannt sind.
Heute sind sie alle zu fett und zu debilen Konsumenten erzogen, dankbar für jedes Feindbild.

Wem nutzt das? Dem Staat? Dem Staat, der an dritter Stelle der Waffenlieferanten steht?

Waffenexporte müssen gestoppt werden. Sofort.

Und vor allem müssen wir die Grenzen in Europa öffnen 

und nicht die Grenzen schließen.

Das Elend bekämpfen und nicht forcieren.

Aber das ist eigentlich auch ein alter Hut.



„Solange es Kraft Gesetz und Sitte eine soziale Verdammnis gibt, die auf künstlichem Wege, inmitten einer hochentwickelten Zivilisation, Höllen schafft und der göttlichen Vorsehung noch ein menschliches Fatum hinzufügt; … solange in gewissen Regionen der soziale Erstickungstod möglich ist, oder anders gesprochen, solange auf der Erde Unwissenheit und Elend herrschen, dürfen Bücher wie dieses nicht unnütz und unwichtig sein.“

Victor Hugo im Jahre 1862 (aus „Die Elenden“)