Dienstag, 5. November 2013

Nice boys don't play rock'n'roll 

Eine Mutmach-Geschichte? Wer mich kennt, denkt wohl, man könnte besser einem Pavian seine Steuererklärung durchsehen lassen, als mich um einen solchen Entwurf zu bitten. Aber nachdem ich Christa Goedes Geschichte gelesen habe, möchte ich vor allem die Unterschiede zu der Branche ausleuchten, in der ich seit 25 Jahren tätig bin. Die meiste Zeit davon tat ich das als Freiberufler, beziehungsweise "Selbständiger".

Hier also mein Beitrag zur Blogparade. Viel Spaß!


Ich bin Veranstaltungstechniker, selbständig, verheiratet und habe drei Kinder. Keine Angst, ich neige nicht zum Selbstmord oder zur Autoaggression. Hätte ich vor 25 Jahren schon gewusst, wie mein Lebensumfeld  heute, wo ich das siebenundvierzigste Lebensjahr fast beendet habe, aussehen würde,  oh Mann, dann hätte ich einen anderen Weg eingeschlagen. Sicher? Nein, sicher nicht. Manchmal arbeite ich zwanzig Stunden am Stück, manchmal mehr. Ich arbeite heute in München, morgen in Travemünde, übermorgen in Barcelona. Heute beschalle ich ein Konzert für Social Distortion in den Hamburger Docks, morgen ist es ein ekelhafter Kardiologenkongress im Maritim, Hannover. Nach Abzug von Steuern, Versicherungen und Pils Bier an der Hotelbar alles in allem schlecht bezahlt, und oft weiß man am Ende eines Monats noch nicht, ob man genug Aufträge im Folgemonat bekommt. Aber ich liebe es. Warum sollte ich also etwas anderes machen?

Familie und Wirtschaft sind sowieso wie Feuer und Eis, da spielt der Beruf keine Rolle. Angestellte werden ebenso gekündigt, wenn es der Wirtschaft in den Kram passt, wie auch Freiberufler ihre Aufträge verlieren, weil die Agentur, das Management, oder der Provider Kosten sparen können. Es gibt immer jemanden, der es für weniger Geld macht. Es existiert eh kein richtiger Weg, es gibt nur Deinen Weg. Mein Weg führte mich über die Musik zum Beruf des Tontechnikers. Ursprünglich wollte ich einmal Rockstar werden. Die Welt kann wahrscheinlich froh sein, dass mir das nicht gelungen ist, aber letzten Endes habe ich nur die Perspektive gewechselt: Von on stage zu backstage. Dort fühle ich mich in gewisser Weise sogar wohler als im direkten Rampenlicht. Das heißt nicht, dass ich schüchtern wäre. Eine gelungene Produktion macht mir einfach Spaß und gibt mir ein entsprechendes Erfolgserlebnis. Wer nur an Geld denkt bei seiner Arbeit, sollte etwas anderes machen.

Wodurch unterscheiden sich Freiberufler voneinander, die nur ihre Arbeitskraft einzusetzen haben?
Wie entstehen Präferenzen, den einen zu buchen, den anderen zu ignorieren, obwohl beide fachlich kompetent sind, zuverlässig und pünktlich, also voll qualifiziert?  
Gerade in meiner Branche tummeln sich die schillerndsten Persönlichkeiten. Ich behaupte, nirgendwo sonst hat man, was Outfit und kleine oder größere Macken betrifft, so viel Freiheit, wobei sich bei der Kleidung schwarze Klamotten über die Jahre doch sehr durchgesetzt haben. Ist auch praktischer. Man will ja nicht gesehen werden, wenn man auf der Bühne herumturnt. 
Als ich damit anfing, gab es noch nicht den Lehrberuf des Veranstaltungstechnikers. Es war der Wilde Westen, aber man war genau das, was man tat. Ein versemmeltes Konzert wog schwerer als fünfzig perfekte Jobs. Meistens verlor der Auftraggeber direkt den Kunden, wenn dieser nicht zufrieden war. Die Konkurrenz war und ist groß. Diesem Druck sollte man gewachsen sein,  auch heute noch. Heute gibt es natürlich Strukturen und Vorschriften, Bildung ist halt ein Geschäft geworden, kein Ideal. Hat Vorteile. Vor allem für die Akademien und Versicherungsmakler. Auch für uns Techniker? Bestimmt. Mir fällt zwar ad hoc kein Vorteil ein, aber das heißt nichts. 

Zurück zu unseren beiden Kandidaten für, sagen wir mal, eine Automobil-Präsentation auf der IAA in Frankfurt. Aufbau und Abbau der Technik, Betreuung der Messe mit Kundenkontakt, Abendveranstaltung im Sheraton, der ganze Kram. Wen wird man buchen? Einen Anzug besitzen auch beide. Schwarz, versteht sich.


Eine Freundin sagte mir, ohne Charisma nutzt Dir auch das Fachwissen nichts. Charisma ist nicht das neue Baby der Ochsenknechts, sondern Deine Ausstrahlung. Da ist was dran. Deine Persönlichkeit ist fraglos entscheidend für den beruflichen Erfolg. Von der Diva bis zum absoluten Technik-Nerd sind auch in meiner Branche alle Facetten vertreten. Es gibt den Theoretiker, der ewig braucht, bis er zufrieden ist, aber auch den Praktiker, der viel schneller zum gleichen Ergebnis kommt. Leute mit wenig Erfahrung stehen manchmal über Leuten, die schon ewig in der Branche arbeiten. Hierarchien sind fließend. Die Persönlichkeit entscheidet über alles. Persönlichkeit und Authentizität kann man nicht fälschen oder instrumentalisieren. Die Persönlichkeit ist immer präsent und sorgt für Ablehnung oder Sympathie. Bei Disponenten, die Dich buchen, genauso wie bei Künstlern und Agenturen. Das ist dann auch nicht immer nachvollziehbar, weshalb meiner Meinung nach oft die größten Vollidioten auf Positionen landen, die man nie für zumutbar erachtet hätte. Auch bei uns in der Branche landen gesunde Unternehmen durch Misswirtschaft in der Insolvenz, und unsere Rechnungen werden dann nicht bezahlt. Oder von heute auf morgen wird eine erfolgreiche Zusammenarbeit plötzlich unter fadenscheinigen Begründungen beendet. Fump! Schon sitzt ein anderer auf Deinem Stuhl. Das musste ich selbst noch kürzlich am eigenen Leib erfahren. Egal. Weitermachen. Don´t stop to rock. Was muss man mitbringen, um als freier Veranstaltungstechniker nicht nur zu überleben, sondern richtig steil zu gehen? 
Im Gegensatz zu manch anderer Branche, gibt es bei uns keinen Flughafen BER oder eine Elbphilharmonie. Wenn der Wendler oder Pink oder wer auch immer in Oberhausen oder am Hindukusch um 20:00 Uhr auftreten wollen, dann findet das genauso statt. Merke: Wenn ein Konzert nicht pünktlich anfängt, liegt es nicht an den Roadies oder Technikern. Show must go on, warum auch immer. Wenn die Messe eröffnet wird, ist jeder Stand fertig. Bei Problemen werden Nachtschichten eingerichtet, es wird improvisiert, umdisponiert, was auch immer. Alle ziehen an einem Strang, egal welches Gewerk. Du musst also ein Teamplayer sein. Du musst flexibel sein, keine "Pussy". Du triffst in so einer Arena in der ersten halben Stunde Entscheidungen, die manchmal den Erfolg der ganzen Veranstaltung beeinflussen. Die musst du dann auch vertreten können: Du brauchst Selbstbewusstsein. Dafür kannst du dir auch Ecken und Kanten leisten, die dich unverwechselbar machen. Du musst das leben, was du machst, und der sein, der du bist. Das schafft  Deinen Wiedererkennungswert. Also: Wo ist der Haken? 
Genau wie die Wirtschaft, ist jede einzelne Branche stets im Wandel. Als Freiberufler tut man sich keinen Gefallen, wenn man sich zu billig verkauft. Auch im ältesten Gewerbe ist es angenehmer, ein Zimmer zu haben, als an der Straße zu stehen. Wie sollst Du also deinen Tagessatz rechtfertigen? Mit Authentizität alleine kommst du nicht mehr weiter heutzutage. Du solltest das sein, wofür du bezahlt wirst: Ein Dienstleister. Nicht mehr und auch nicht weniger. Du wirst nicht gebucht als eine "Ein Mann Show", keiner der Kollegen wird schließlich dafür bezahlt, Rücksicht auf Deine Psyche zu nehmen. Diplomatie und Anpassungsvermögen sind genauso wichtig, wie das Bestreben, sich weiter zu entwickeln. Die Zeiten sind vorbei, als die Künstler noch den Techniker groß gemacht haben, weil sie auf der Erfolgswelle die Bedingungen diktieren konnten. Dem Künstler ist es heute fast egal, wer am Pult sitzt, solange alles funktioniert. Ich habe auf Festivals schon unfassbare Sachen erlebt, die belegen, dass man besser den Job bewerten sollte, als die Referenzen. Aber wenn die Band ihren tauben Toningenieur seit 30 Jahren mitschleift, ist das ja auch irgendwie süß. Nicht alle Künstler haben die Eier, so etwas zu garantieren. Hoffentlich geht es Lemmy bald besser. ;-)
Überall geht es schließlich um Menschen, und die machen Fehler, aus denen sie im günstigsten Fall lernen. Im ungünstigsten Fall hängen sie Dir das an. (Siehe Selbstbewusstsein)

"Bäh, jetzt habe ich aber keine Lust mehr... Wo bleibt die Motivation?" höre ich den einen oder anderen sagen. Die Regeln habe ich nicht gemacht. Aber alles halb so wild. Wenn man den Finger am Puls der Zeit hat, und Weiterbildung betreibt, teamfähig ist, und sich selbst nicht belügt, indem man vorgibt, jemand zu sein, der man nicht ist, wird man an seinen Aufgaben wachsen. Dann kommt der Erfolg von ganz alleine. Macht keinen Hehl daraus, wer ihr seid. Opportunisten und Schleimer bekommen sowieso irgendwann die Quittung. Seid unbedingt authentisch, aber bleibt immer fair. Nice boys don´t play rock´n´roll.





Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Hallo Tom,
Im grunde genommen stimmt alles überein, das Alter, die Anzahl der Kinder, der Werdegang, auch ich bin seit über 27Jahren irgendwie dabei. Einziger Unterschied: ich bin vor fünf Jahren ans Theater gegangen. Entschieden habe ich mich damals für die Familie, aber auch die Frustration über die von Dir angesprochenen Dinge waren ein Auslöser. Die Wichtigkeit einer Entscheidung, die Gefahr bei dem nächsten Fehler zu fliegen ist geblieben, nur man ist jetzt ( bis auf die Abstecher) Heimschläfer. Im übrigen, die Stundenanzahl hat sich nur unwesentlich reduziert.... Kurz und gut: ich wollte beide Daumen hoch halten und sagen: weiter so, und dabei nicht vergessen, dass wir mit Menschen für Menschen arbeiten. Auch wenn es manchmal schwer fällt, die Contenance zu waren :-). Lieben Gruß vom Thomas aus Hannover

Anonym hat gesagt…

Bewa-h-ren! ja, das schreibt man nämlich so und nich anners, nä!?
Nochmals der Thomas

Ps.: ich las von einem Buch? Darf ich Interesse heucheln und näheres erfahren?

Tom Fuhrmann hat gesagt…

Hi Thomas,
vielen Dank für dein Statement. Geht runter wie Öl.
Hier der Link zu dem Buch:
http://www.amazon.de/Back-Tom-Fuhrmann/dp/3941139088/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1383830237&sr=1-1&keywords=tom+fuhrmann
Liebe Grüße
Tom

Chrickel hat gesagt…

Danke.

Anonym hat gesagt…

Tja, da kann ich nur sagen: Hut ab! Genau getroffen, hervorragend geschrieben!
Hm, der Thomas aus H. Hat doch nicht etwa lange in B gewohnt? ;)
Frank aus Berlin, dieses Jahr 25-jähriges Berufsjubiläum

Tom Fuhrmann hat gesagt…

Danke Frank. Gehen schnell rum in unserem Job, die 25 Jahre. Und vieles bleibt zurück.

Björn hat gesagt…

Perfekt beschrieben! Dem wäre nichts mehr hinzuzufügen! Ausser das mir auffällt, dass wir schon länger keinen Job mehr zusammen hatten! Wird mal wieder Zeit....!
Mach so weiter mein Bester! (Wo is eigentlich mein Buch?) ;)

Burn

Showflow hat gesagt…

Amen!!!

Wolf Rübner hat gesagt…

Klasse geschrieben, genau das habe ich als "Agentur-Fuzzi" an Euch Technikern immer geschätzt

Tom Fuhrmann hat gesagt…

danke